Ein Besuch der besonderen Art

Vom 1. bis 3. Dezember fand in den wunderbaren Leipziger Messehallen die VDT-Schau des Jahres 2017 statt. Einige verwegene »Clubber« hatten sich der Herausforderung gestellt und Tiere zur Beschau durch das allen bekannte und doch von vielen wegen teils chaotischer und nicht im Ansatz den modernen (europäischen) Entwicklungen der Zucht der Rasse Rechnung tragenden Bewertungen nicht besonders hoch geschätzte Richterkollegium abgeliefert.

Um es kurz zu machen: Bei Harald Becker, der die seltenen MEHLICHTEN (Blaufahle mit Binden und Ockerbrust) vorstellte, reichte es unglücklich nicht für einen Titel als Deutscher Meister und auch Gerhard Smolinski war mit seinen ANDALUSIERN der von den Preisrichtern attestierten Übermacht der Tiere anderer Züchter nicht gewachsen. [Dass eine andere Kollektion unter Zuhilfenahme von Zusatzpunkten für Halsfalten gewann, ist seitdem ein »running gag«!] Wer hätte erwartet, dass es in Leipzig nichts zu holen wäre, nachdem Gerhards Tiere einem Allgemeinrichter zur Europaschau in Metz sogar zu weit höheren Würden gereicht hatten. Aber es ist nicht jedes Zuchtjahr wie das andere und eine unangefochten gute Kollektion muss man erst einmal in die Käfige bringen.

[traurige Fortsetzung zum Weihnachtsfest]

Was sich dem fachkundigen Besucher oder der fachkundigen Besucherin aber insgesamt in den Käfigen darbot, war schwerstens ernüchternd. Das sind also die Früchte der über 10-jährigen Arbeit eines sich und seine Kompetenzträger über den grünen Klee lobenden Sondervereins von Gottes Gnaden. Alles, was an einem Giant Homer nicht zu finden sein sollte, stand zur Demonstration in den Käfigen: Halsfalten aller Ausprägungen (War da nicht mal was mit »Chefsache«?); lange Tiere mit breiten Schwänzen, die in alle Himmelsrichtungen zeigten nur leider allzuoft keinen Beitrag leisteten, dem Tier seinen waagerechten Stand zu verleihen; schlimme Kopfprofilfehler, Tiere ohne die wirklich mittlerweile leicht erreichbare Keiligkeit und Kürze; untrainierte und unmotivierte Tiere, die unter dem Stress einer Ausstellung litten und in den Käfig-Ecken hockten.

Erkennbar war auch schnell, dass man in Deutschland nach wie vor beharrlich an »altmodischen« Kurzgesichtern festhält. Nur sehr wenige Tiere hatten die Eleganz einer harmonisch in eine kräftige Nacken-Hals-Linie übergehenden Kopfprofils, wie man es beispielsweise in Ungarn – dem Ideal der Herkunftslandes folgend – regelmäßig sieht und kamen damit beim Preisrichter gut an! Natürlich kann man versuchen, den Status Quo zu halten und versuchen, das Bollwerk gegen den Fortschritt einer Rasse zu sein. Nur: Wer zu spät kommt ...

Der Giant ist kein »Kurzgesichtler«. Jede Forderung nach einem runden Kopf widerspricht dem in der Praxis bei einem harmonischen Tier Möglichen und wird immer zu Problemen im Nackenabgang oder der Kehle führen. Die Forderung ist natürlich auch eine Fehlinterpretation der Vorgaben des Herkunftslandes oder eine überhebliche Darüber-Hinwegsetzung. Selbst das europaweit vielfach kritisierte und sicher längst überarbeitungsbedürftige Musterbild im EE-Standard widerspricht der Kurzkopf-Theorie. Ein Impuls zur Modernisierung kann man aber eher aus einem der weiteren Mitgliedsländer der EE erwarten, als aus Deutschland.

Kritik muss man ebenso äußern, wenn geübte Bewertungskartenleser und versierte Züchter, einfach keinen Reim auf das Geschriebene machen können. Erster Grundsatz für eine fachlich kompetente Bewertung muss sein, dass man das Tier mit Vorzügen, Wünschen und Fehlern auch auf der Karte beschrieben findet. Natürlich ist jede Bewertung Ergebnis einer »Momantanaufnahme« aber es ist doch wohl unmöglich, dass die Tiere in einigen Käfigen nach der Bewertung heimlich ausgetauscht wurden – so weit lagen Beschreibung und Tier auseinander. Die Grundidee der Bewertung war in einigen Bewertungsaufträgen einfach nicht zu erkennen und vielen hoch prämierten Tieren fehlte es an Elementarem. Dass aus der Sammlung solch anrüchiger Fehlinterpretationen dann Deutsche Meistertitel entstehen entsetzt so manchen Besucher. Für die allseits beschworene »Harmonie« innerhalb der Züchterschaft war das Tagwerk der Bewertungskarten-Ausfüll-Verantwortlichen sicher KEIN Beitrag.

Es würde sicher niemanden ermuntern, hier noch eine ellenlange Liste der Unschönheiten an dem einen oder anderen Tier zu lesen oder Bewertungs-Ungereimtheiten ins Einzelne zerlegt zu bekommen. Zur tieferen Kritik an der oft völlig daneben gegriffenen Bewertung für einzelne Tiere mag man sich nur einmal die »V-Täubin« in rezessiv gelb in Erinnerung rufen, die alle Negativ-Rekorde brach. Von einer richtungsweisenden allgemeinen Bewertungsgrundlinie - typische moderne Giant-Gesichter wurde allen Ernstes mehrfach als "zu lang im Gesicht" herabgesetzt - muss man also noch weiter träumen.

Es ist wohl wie es ist. Besserung nicht in Sicht!

[einige beispielhafte Bilder folgen]

»Der beste Preisrichter ist immer der Züchter!«
Wenn aber die ausstellenden Züchter nicht das Rüstzeug bekommen, wenigstens die allerschlimmsten Fehlerstellen zu erkennen und mit System auszumerzen - dann ist aller Jubel über noch so viele V-Tiere Heuchelei. Ein Tier kann nicht aus Gnade ein »V« bekommen, weil es »das Beste« unter ziemlich miesen war oder weil ein Preisrichter ein »V« im Bewertungsauftrag finden will. Die guten Tiere kann man nicht durch die schlechten bis dorthinaus aufwerten, sondern man muss immer den Zuchtstand der Rasse im Auge haben. Und der Zuchtstand ist - das muss auch einmal gesagt werden - NICHT das, was in Deutschland zu sehen ist. 

Nach dem Besuch vieler Spezial-Schauen in Europa, durch engste Kontakte zu Spitzenzüchtern vor allem in Ungarn und auch durch die Teilnahme am europäischen Wettstreit auf der ersten Rassebezogenen Europaschau in Lysa vor einigen Jahren wissen wir, was machbar ist und was in den letzten Jahren andernorts getan wurde. Wir waren da! Und wir sind live dabei.

Der Zustrom handverlesener Tiere, die teils schon im Sommer auf den Exportlisten stehen, sicherte und sichert uns Fortschritt im europäischen Maßstab. Dass hierzulande Andere den Maßstab zu diktieren versuchen ist erschreckend und es wird uns immer wieder an Grenzen stoßen lassen. Aber wen schert das?

Nachsatz in spezieller Sache
Da unsere zugegebenermaßen etwas spät für Erfurt gemeldeten »Vielfarbigen« leider wegen der Kapazitätsgrenze nicht angenommen wurden, waren wir - wie im letzten Jahr - wieder auf die Ränge verwiesen und mussten zusehen, was die »Anderen« zuwege bringen. Nun ja, es war nicht viel! Vier (verdammt nochmal - warum eigentlich nur vier?) Vielfarbige bei denen der Preisrichter zumindest an seiner Farbkritik erkennen ließ, dass Anerkennung unmöglich war, standen in den Käfigen. Wegen der bekannt schwammigen Genetik war auch bei den Typen wenig zu erwarten gewesen und auch da behielten wir Recht.
Was will man mehr: Man sitzt in der Laube und trinkt ein Feierabendbier während die anderen Dummheiten machen. Es steht damit in dieser Sache also 2:0 für uns.

 

Die fachkundigen Besucher
(Clubber und Nahestehende Freunde)

×   2017-12-24 | 16:03  ×